"Im Schatten der Macht (2): Vier Tage im Mai"

Fernsehfilm von Oliver Storz

Sendetermin: Fr, 08.10.2021, 21.45 Uhr, 3sat

Der Kanzler weiß nun Bescheid über das "Gespinst von blühender Phantasie und Halbwahrheiten", das sich um ihn zusammenzieht. Seine Stimmungen schwanken zwischen Depressionen und Zuversicht. Sogar Selbstmordgedanken wechseln abrupt mit Kampfeswillen.

Kann Brandt mit einer Kabinettsumbildung zum Angriff übergehen? Genscher wird nicht freiwillig gehen, und Brandt kann ihn nicht zwingen, denn das würde das Regierungsbündnis mit der FDP gefährden.

Im Amt des Vizekanzlers und FDP-Vorsitzenden ist Genscher designierter Nachfolger von Walter Scheel, der fest entschlossen ist, sich schon in wenigen Wochen zum Bundespräsidenten wählen zu lassen.

Während sich die Anzeichen dafür mehren, dass die pikanten Storys der Leibwächter durch dunkle Kanäle der Geheimdienste bereits zur Opposition und damit auch zur Boulevardpresse durchgesickert sind, kommt es am Abend des 4. Mai 1974 zum Gespräch unter vier Augen zwischen Herbert Wehner und Willy Brandt während einer Klausur der SPD mit Gewerkschaftsführern in Bad Münstereifel.

Das Gespräch endet in eisiger Kälte. Willy Brandt hat nicht den Eindruck gewinnen können, von Herbert Wehner und der SPD-Fraktion den Rückhalt zu bekommen, den er gebraucht hätte, um die Affäre durchzustehen. Wehner hat ihn aufgefordert, selbst zu entscheiden, und zwar binnen 24 Stunden.

Noch in der Nacht entschließt Willy Brandt sich zum Rücktritt und verkündet diesen Entschluss am nächsten Morgen der in Münstereifel versammelten SPD-Spitze. Helmut Schmidt, den Brandt als seinen Nachfolger benennt, verliert die Beherrschung: So will er nicht Kanzler werden! Es entgeht Brandt nicht, dass Wehner diesen Gesprächen meist schweigend beiwohnt.

Brandts Widerstreit der Gefühle und Stimmungen ist nervenaufreibend für alle Beteiligten, nicht nur im Kanzleramt. Es ist wohl Egon Bahr, Brandts engster politischer Freund, der die endgültige Entscheidung herbeiführt. Bahr rät zum Rücktritt, solange der Kanzler noch Herr seiner Entschlüsse ist und nicht von anderen aus dem Amt gedrängt wird. Eine Neuauflage der Schmutzkampagnen, die Brandt aus den Bundestagswahlkämpfen 1961 und 1965 zur Genüge kennt, würde er nicht mehr durchstehen.

Aber niemand kann den zurückgetretenen Willy Brandt daran hindern, Führungsfigur der europäischen Sozialdemokratie zu werden. Am Abend schickt Brandt den Amtschef Grabert mit dem Rücktrittsbrief zu Heinemann und versammelt seine Getreuen zu einem Abschiedsdrink. Als er das Bundeskanzleramt verlässt, bittet ihn sein Chefleibwächter unter Tränen um Verzeihung: Er sei gezwungen worden, auch über den privaten Bereich des Kanzlers auszusagen. In der Nacht, nachdem erste Rücktrittsmeldungen über die Ticker laufen, zieht ein Fackelzug von 100 jungen Menschen zur Dienstvilla des Kanzlers. Willy Brandt zeigt sich nicht.

Text: ARD

Produktion: Ziegler Film GmbH & Co. KG

Weitere Sendetermine: Di, 25.11.03, 20.15 Uhr, 3sat; Fr, 24.10.03, 20.45 Uhr ARTE, Erstausstrahlung; Do, 30.10.03, 20.15 Uhr, ARD; Fr, 31.10.03, 17.30 Uhr, ARTE; Di/Mi, 4./5.11.03, 1.15 Uhr, ARTE; Sa/So, 3./4.12.05, 1.30 Uhr, NDR Fernsehen; Di, 11.4.06, 21.45 Uhr, Phoenix; Sa, 13.10.07, 22.10 Uhr, rbb-Fernsehen; Sa, 13.1.07, 23.35 Uhr, ARTE; So, 14.1.07, 15.45 Uhr, ARTE; Mi/Do, 17./18.12.08, 3.40 Uhr, NDR-Fernsehen, So, 19.4.09, 15.30 Uhr, Phoenix; Sa, 25.4.09, 22.30 Uhr, Phoenix; Mo/Di, 16./17.12.13, 1.00 Uhr, NDR-Fernsehen; Do, 24.4.14, 23.45 Uhr, Phoenix

Gefördert mit Mitteln der nordmedia Fonds GmbH in Niedersachsen und Bremen.

Siehe auch: IM SCHATTEN DER MACHT