Mit anderen Augen sehen beim 34. Unabhängigen FilmFest Osnabrück

16. bis 20. Oktober 2019, Osnabrük

LOVEMOBIL © Elke Margarete Lehrenkrauss/FilmFest Osnabrück
LOVEMOBIL © Elke Margarete Lehrenkrauss/FilmFest Osnabrück

Die 34. Ausgabe des Osnabrücker Filmfestivals beginnt am 16. Oktober 2019  in Anwesenheit der Regisseurin mit dem Eröffnungfilm LOVEMOBIL, einer niedersächsischen Dokumentarfilmproduktion, deren Autorin Elke Margarete Lehrenkrauss einen unerwartet intimen Blick in das Leben von Sexarbeiterinnen gewinnen konnte. Die Frauen arbeiten in Campmobilen am Rande einer einsamen Landstraße nahe Wolfsburg. Arbeiter des nahen VW-Werks zählen zu ihren Kunden, LKW -Fahrer, Handelsvertreter. Auch Freier und eine Vermieterin solcher „Lovemobile“ geben freimütig Auskunft. Ein etwas anderer Blick auf ein Gewerbe, das ansonsten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Mit den Beiträgen MARINA von Julia Roesler und Silke Merzhäuser und NICHT IM TRAUM von Astrid Menzel sind zwei weitere nordmedia-geförderte Produktionen im Programm.

ROJO © Luxbox/FilmFest Osnabrück
ROJO © Luxbox/FilmFest Osnabrück

Zeitkritisches, sozial engagiertes Kino ist traditionell einer der Schwerpunkte der Osnabrücker Veranstaltung. In diesem Jahr sind Dokumentarfilme besonders stark vertreten, viele davon spannender als manch ein Blockbuster des Mainstream-Kinos. Das Osnabrücker Programm repräsentiert damit einen internationalen Trend, so Festivalleiterin Julia Scheck. Filmschaffende, aber auch Kinobesucher entwickelten in jüngster Zeit ein zunehmendes Interesse an scharf beobachtenden, geduldig fragenden, hintergründigen Dokumentarfilmen, die über kurzatmige Nachrichten-Spots und plakative Schlagzeilen hinausweisen. Einen traditionellen Schwerpunkt bildet das lateinamerikanische Kino, das unter der Überschrift „Vistas Latinas“ in diesem Jahr aufregende Filme unter anderem aus Mexiko und Argentinien vorstellt u. a. ROJO  von Benjamín Naishtat.

ARETHA FRANKLIN: AMAZING GRACE © Weltkino Filmverleih/FilmFest Osnabrück
ARETHA FRANKLIN: AMAZING GRACE © Weltkino Filmverleih/FilmFest Osnabrück

Auch in der Musikfilm-Sektion „FilmFest Laut“ lässt sich kritisches Kino entdecken. Die britische Multiinstrumentalistin, Dichterin und Künstlerin PJ Harvey bereiste Afghanistan, den Kosovo und Washington, D.C. und ließ sich von ihren Eindrücken und Erlebnissen textlich und musikalisch inspirieren. Ergebnis war das Nummer-Eins-Album „The Hope Six Demolition Project“, bei dessen Einspielung sie und ihre Musiker sich filmen ließen. Die Dokumentation A DOG CALLED MONEY von Seamus Murphy kombiniert Reiseeindrücke mit Bildern vom Entstehungsprozess der LP. Neben Langfilmen wie ARETHA FRANKLIN: AMAZING GRACE bietet diese Sektion auch Kurzfilme, darunter deutsche Musikvideos aus dem Wettbewerb Oberhausener „MuVi Award 2018“.

IN FABRIC © Bankside Films/FilmFest Osnabrück
IN FABRIC © Bankside Films/FilmFest Osnabrück

Genrekino gibt es wie gewohnt unter der Überschrift „FilmFest Extrem“. In der Sektion läuft ein unterhaltsames Filmporträt des im März dieses Jahres verstorbenen Serienerfinders und gewitzten B-Film-Produzenten Larry Cohen, den die taz einst schalkhaft und zugleich voller Hochachtung als den „Rainer Werner Fassbinder des Zweitliga-Horrorfilms“ pries. Als Spielfilm aus dieser Festivalkategorie ist IN FABRIC hervorzuheben. Der britische Regisseur Peter Strickland (BERBERIAN SOUND STUDIO) mischt den Einfluss Dario Argentos mit Phantasmagorien in der Tradition eines David Lynch zu einer ganz eigenen, unwirklichen Melange. Das fantasievolle Schauerstück ist mit Marianne Jean-Baptiste (WITHOUT A TRACE; BROADCHURCH) und der Emmy-nominierten Gwendoline Christie (GAME OF THRONES) prominent besetzt. Die Dänin Sidse Babett Knudsen (WESTWORLD) ist in einem Gastauftritt zu sehen.

GÖTTER VON MOLENBEEK © Real Fiction/FilmFest Osnabrück
GÖTTER VON MOLENBEEK © Real Fiction/FilmFest Osnabrück

In GÖTTER VON MOLENBEEK begleitet die finnischen Regisseurin Reetta Huhtanen ihren sechsjährigen Neffen Aatos und dessen muslimischen Freund Amine in ihrem ganz normalen kindlichen Alltag und erkundet Molenbeek mit deren Augen.  Eine unbeschwerte Kindheit, gäbe es nicht die Verunsicherung nach den Terroranschlägen von Paris und Brüssel, die sich auch auf die Kinder auswirken. Plötzlich gibt es eine aus Kinderaugen erschreckende Polizeipräsenz, Mahnwachen, Demonstrationen. Mit GÖTTER VON MOLENBEEK gelang Reetta Huhtanen und ihrem Kameramann Hannu-Pekka Vitikainen ein vielschichtiger Dokumentarfilm. Er verdeutlicht, wie sich auch indirekte Gewalterfahrungen auf Kinderseelen auswirken. Und er schenkt uns einen anderen, vorurteilsfreien Blick auf Molenbeek, wo nicht nur nur Extremisten leben.

GÖTTER VON MOLENBEEK ist einer der Bewerber um den Friedensfilmpreis Osnabrück, der am 20. Oktober zum Abschluss des diesjährigen Unabhängigen FilmFests Osnabrück im Kulturzentrum Lagerhalle vergeben wird.


Im Rahmen der Veranstaltung werden außerdem die Gewinner des Filmpreises für Kinderrechte, des Publikumspreises für den besten Kurzfilm und des Kurzfilmpreises des Unabhängigen FilmFests Osnabrück verkündet.

Weitere Informationen: www.filmfest-osnabrueck.de