Filmstart Bremen: Projektstipendium der nordmedia und des Filmbüros Bremen zum siebten Mal vergeben

Seit 2015 existiert das von der nordmedia und dem Filmbüro Bremen initiierte Projektstipendium Filmstart Bremen, das künstlerische Filme und Nachwuchs-filmprojekte mit einem Förderbedarf zwischen 1.000 und 10.000 Euro fördert. In der siebten Runde wurden von insgesamt 44 eingereichten Projekten sechs Bremer Projekte mit insgesamt 34.000 Euro gefördert.

Die unabhängige Jury legte einen Schwerpunkt auf die Förderung von Antrags-stellerInnen, die eine klare filmische Vision vorlegten und an einer eigenen Filmsprache arbeiten. Unerwartet hoch war der Anteil an fiktionalen Stoffen, der sich mit 20 Einreichungen im Vergleich zum letzten Jahr verdoppelte. 

Die Jury - bestehend aus Frauke Lodders (Filmemacherin, Kassel) Jonas Spriestersbach (Kameramann und Regisseur, Berlin/München) und Florian Vollmers (Festivalmacher und Filmjournalist, Bremen) - entschied sich für sehr unterschiedliche Projekte: Eine experimentelle Annährung an den Kino-raum, eine filmische Reise in das Haus und die Gefühle der eigenen Kindheit, ein deutsch-iranischer Kurzspielfilm, ein Kammerspiel um Familienbeziehun-gen, das Portrait einer jungen Geflüchteten und ein Videokunstprojekt über die Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers

Ziele von Filmstart Bremen sind sowohl die Förderung des Nachwuchses so-wie der  Professionalisierung als auch die Unterstützung von filmkünstleri-schen Projekten etablierter Filmschaffender.

Die Informationen zu den einzelnen Projekten und die Jurybegründungen:

NAZANIN
Mohsen Azizi Ashtarkan, Bremen 

Drama,  ca. 10 min
9.500 Euro Produktionsförderung

Nazanin ist 30 Jahre alt, sie kommt aus dem Iran. Ihr einziger Traum ist es, frei zu sein. Um ihrem despotischen Vater zu entkommen, heiratet sie Mahy-ar, einen in Deutschland aufgewachsenen Muslim. Doch schon am Flughafen erkennt sie ihren Fehler - Mahyar zeigt sich noch konservativer als ihr Vater. Sie ist gezwungen, sich ihrem Mann anzupassen. Bis sie sich eines Tages selber nicht mehr erkennt.

Jurybegründung: Mohsen Azizi Ashtarkan schildert in seinem Projektantrag und Drehbuch „Nazanin“ die eindrückliche Geschichte einer Frau aus dem Iran, die in Deutschland ihre Befreiung erhofft, aber das Gegenteil erlebt. Ihr Weg in eine Falle ist dementsprechend als Rückwärtserzählung angelegt. Die Jury möchte den Filmemacher bei seiner ersten Filmarbeit in Deutschland ausdrücklich beim Aufbau eines Netzwerkes in der Filmbranche unterstützen und gibt mit der Filmstart-Förderung den Startschuss für ein aussichtsreiches Projekt, das in Bremen und mit beratender Begleitung durch das Filmbüro Bremen entstehen soll.

SEITENVERHÄLTNISSE
Fritz Laszlo Weber, Bremen

Experimentalfilm, ca. 15 min
7.000 Euro Produktionsförderung

Ein Seitenverhältnis beschreibt in welcher Beziehung sich Breite und Höhe einer Fläche zueinander befinden. Auf der Kinoleinwand definiert es die Flä-che, auf der sich das Geschehen abspielt. Dieses experimentelle Filmprojekt will das Seitenverhältnis als Ausgangspunkt nehmen und den Kinoraum, über die Leinwand hinaus, in seiner Gesamtheit als einen Raum von gesellschaft-lichen Verhältnissen beleuchten.

Jurybegründung: Fritz Laszlo Weber entwirft mit seinem Projektantrag „Sei-tenverhältnisse“ einen vielversprechenden Experimentalfilm, der gestaltende Elemente des Filmmediums, den physischen Kinoraum und gesellschaftliche Zusammenhänge miteinander ins Verhältnis setzt. Ein stilbewusstes und schlüssiges visuelles Konzept trifft auf einen gut entwickelten Produktions-plan, sodass die Jury diesem rundum überzeugenden künstlerischen Entwurf zur Umsetzung verhelfen möchte.

JETZT IST ES NUR NOCH SELTSAM
Fabian Schubert-Heil, Hamburg

Spielfilm, ca. 60 min
6.000 Euro Produktionsförderung

Ein Mann kehrt nach dem Tod seiner Eltern in das Haus seiner Kindheit zu-rück und findet dort stundenlange alte Videoaufnahmen aus seinen ersten Lebensjahren. Er beginnt damit, sich rückwärts bis zu seiner Geburt vorzuar-beiten. Beim Betrachten spürt er, wie fremd ihm diese Kindheit ist. Um dieses verlorene Gefühl wieder zu entdecken, fängt er an, aufgezeichnete Erlebnisse seines Lebens nachzustellen.

Jurybegründung: In unaufgeregter Schlichtheit stellt Fabian Schubert-Heil Fragen nach Herkunft, die nicht wie in gängigen Diskursen auf Ethnizität und soziale Zugehörigkeit abzielen, sondern auf die eigene Kindheit, als vertraute und doch oft verklärte, schwer zugängliche, unwiederbringliche Ausgangssze-ne unseres erwachsenen Lebens. Sowohl der Antrag, als auch die Arbeits-proben haben uns überzeugt durch formalästhetisches und rhetorisches Ge-schick und eine simple aber prägnante Fragestellung. Wir stocken die be-scheidene Antragssumme auf, mit der dringenden Empfehlung, die konkrete Umsetzung weiter auszuarbeiten und zu präzisieren.

ALL MATTER BREAKS DOWN UNDER THE RIGHT PRESSURE
Alex Beriault, Bremen

Experimentalfilm, ca. 10 min
5.000 Euro Produktionsförderung

In this piece, one views a living subject through the dual lens of a scientific human specimen and an uncanny, almost supernatural figure. Different vari-ants of her appearance present themselves as incomplete forms, and throug-hout the film these collections of smaller sections simultaneously piece her together and break her apart.

Jurybegründung: Ein Mensch, ein Körper unter dem forschenden Blick der Medizin. Ist man mehr als die Summe der Einzelteile? In der routinierten Un-tersuchung einzelner Punkte kreist ein/e MedizinerIn um eine/n PatientIn, eine merkwürdige Form der Intimität, in der die körperliche Präsenz zwischen mystischem Wesen und erstarrter Skulptur changiert. Der bewusst ergebnis-offenen Arbeitsweise der sich in Bremen etablierenden Filmkünstlerin Alex Beriault geben wir unser Vertrauen, auch, da uns die vorangegangenen Arbei-ten sehr überzeugt haben.

MIDNIGHT ESCAPE - FATEME
Jacqueline Peters und Anastasia Misbach, Bremen

Dokumentarfilm, ca. 30 min
4.000 Euro Produktionsförderung

„As a writer I want to write about everything with details and everything that exactly happened and I have seen. It‘s hurting me a lot.“ Ein filmisches Por-trait über Fateme, eine 19-jährige Afghanin, die ihre gesamte Jugend auf der Flucht ist und von einem Flüchtlingslager zum nächsten gebracht wird.

Jurybegründung: Die beiden Nachwuchsfilmemacherinnen Jacqueline Peters und Anastasia Misbach geben in ihrer Dokumentation „Midnight Escape - Fateme“ ihrer Protagonistin Raum, ihre von Flucht geprägte Geschichte zu erzählen. Dafür zeichnen sie die Protagonistin facettenreich und nicht als Opfer ihrer Umstände. Auf der visuellen Ebene arbeiten sie unter anderem mit einem Comiczeichner zusammen. Wir möchten die Filmemacherinnen bei der Suche nach ihrer eigenen Handschrift in diesem Prozess unterstützen.

EIN UNVERGESSLICHES ESSEN
Leonardo Re, Berlin/Bremen

Tragikomödie, ca. 50 min.
2.500 Euro Postproduktionsförderung

Maike ist jetzt Mike. Aber die Enthüllung einiger brisanter Wahrheiten macht ein gemeinsames Abendessen mit Familie und Freunden nicht gerade zum idealen Abend für ein Coming-out.

Jurybegründung: Leonardo Re hat bei seinem Filmprojekt „Ein unvergessli-ches Essen“ viel Eigeninitiative bewiesen und ist in große Vorleistung gegan-gen. Im Rohschnitt seines mittellangen Kammerspiels haben uns die Schau-spielerInnen und die damit verbundene Leistung der Regie im Bereich der Schauspielführung überzeugt, so dass wir die Fertigstellung des Projektes mit einer Förderung unterstützen möchten.