PRIMETIME #05: "Von Dogs of Berlin bis Weissensee - Der deutsche Serienhype"

nordmedia talk & night am 2. Mai 2019 in Hannover

PRIMETIME-Gäste mit Moderator (v.l.n.r.): Torsten Zarges, Annette Hess, Sigi Kamml und Thomas Schäffer
PRIMETIME-Gäste mit Moderator (v.l.n.r.): Torsten Zarges, Annette Hess, Sigi Kamml und Thomas Schäffer

Verbrechen im Berliner Untergrund, düstere Mystery-Thriller, historische Familiendramen - die deutsche Serie muss sich nicht verstecken. Mit Produktionen wie DOGS OF BERLIN, DARK, BAD BANKS, 4 BLOCKS oder WEISSENSEE wird sie sogar international sichtbar und erreicht ein ganz neues Level. Das Angebot wächst stetig und neue Formate erobern die Streaming-Plattformen oder Mediatheken. Doch was macht diesen Serienhype aus und was bedeutet die Produktflut für den Markt und seine Akteure?
Die fünfte PRIMETIME nordmedia talk & night am 2. Mai 2019 in der Cumberlandschen Galerie widmete sich diesem Trend. Zur Hauptsendezeit eröffnete nordmedia-Geschäftsführer Thomas Schäffer den Branchentreff und begrüßte neben den mehr als 100 TeilnehmerInnen die drei Bühnengäste: Torsten Zarges, Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de, die Autorin Annette Hess, welche unter anderem für die Drehbücher von WEISSENSEE oder KU’DAMM 56/59 bekannt ist, und den DOGS OF BERLIN-Produzenten Sigi Kamml von Syrreal Entertainment GmbH.Link entfernen

Torsten Zarges, Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de
Torsten Zarges, Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de

Vorbei sind die Zeiten, in denen deutsche Serien belächelt und als reines Selbstversorgermodell angesehen wurden. Im Gegenteil: Seit ein paar Jahren hat sich der deutsche Serienmarkt zum Exportgut entwickelt. Serielle Formate haben eine große Bedeutung für die Standortentwicklung, wie sich auch an dem nordmedia-geförderten Beispiel ROTE ROSEN zeigt. Die deutsche Bewegtbildproduktion denkt nun aber größer und teurer. Neue Rahmenbedingungen und technische Innovationen führen zu einem Wandel. Der “typisch deutschen” Telenovela folgen High-End-Serien, die für große internationale Streamingplattformen wie Netflix und Amazon Prime interessant werden. Die Serie ist nicht mehr das “Schmuddelkind” der Unterhaltungsbranche. Sie ist Teil von Festivals und Summits und steht für Qualität. “Es ist mehr als nur ein Hype”, so Torsten Zarges. Der Journalist sieht in den veränderten Bedingungen einen verstärkten Bedarf: “Die neuen Plattformen wollen mit Inhalten gefüllt werden, die zum Wiederkehren veranlassen.”

Drehbuchautorin Annette Hess
Drehbuchautorin Annette Hess

Was aber meinen diejenigen zu diesen Entwicklungen, welche die beliebten Formate schreiben und produzieren?
Mit TV-Erfolgen wie der ZDF-Reihe KU’DAMM 56/59 und der Familienserie WEISSENSEE (ARD) gilt Annette Hess als bekannteste deutsche Drehbuchautorin. Innerhalb ihrer Karriere nahm und nimmt sie unterschiedliche Rollen ein, wie zuletzt als Show-Runnerin und Head-Autorin. Ihre Bücher sollen dabei mehr als nur Vorlagen sein. Deshalb ließ sie Verträge ändern und kämpfte für ihr Mitspracherecht. Arbeiten im Verborgenen - das trifft auf die preisgekrönte Autorin nicht mehr zu. Annette Hess riet auch anderen AutorInnen dazu, öffentlich sichtbar zu werden: “Man kann sich nicht beschweren, dass man nicht gesehen wird, wenn man nicht rausgeht.” Ihr neuestes Projekt als Head-Autorin sei die Umsetzung des Jugendbuch-Klassikers WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO als Amazon Prime Serie. Die autobiografische Geschichte der drogenabhängigen Christiane F. aus Berlin werde von Oliver Berben (Constantin Film AG) produziert. Das Format der Serie erlaube es der Autorin, den Roman intensiver darzustellen als in den bisherigen Verfilmungen. “Endlich können wir erzählen, was in dem Buch steht”, freute sich die gebürtige Hannoveranerin, die im Landkreis Hameln in Niedersachsen zuhause ist.

Produzent Sigi Kamml (Syrreal Entertainment GmbH)
Produzent Sigi Kamml (Syrreal Entertainment GmbH)

Produzent Sigi Kamml wollte schon immer Kinofilme machen. Das ist ihm gelungen - seit 2010 produziert er mit der Firma Syrreal Entertainment GmbH, welche er zusammen mit dem Autoren Christian Alvart leitet, erfolgreiche Kino- und Fernsehfilme wie LEANDERS LETZTE REISE, HALBE BRÜDER oder TSCHILLER: OFF DUTY mit Til Schweiger. Drei Jahre Hollywood-Erfahrung spielten auf diesem Weg eine entscheidende Rolle. Bei Kammls Anspruch auf Qualität findet eine Verschmelzung statt, die sich auch bei DOGS OF BERLIN, der zweiten deutschen Netflix-Serie nach DARK, zeigt: “Ich versuche Serien auf Kino-Niveau zu machen.” Die Anfrage für das Netflix-Original und die unkomplizierte Zusammenarbeit - vor allem in den Anfängen und beim Casting - freute den Regisseur sehr. Die Plattform biete die ideale Gelegenheit für die außergewöhnlich radikale Erzählweise und Darstellung der Berliner Dramaserie. Ein neues Projekt sei die Serie “Slowburn” für das ZDF.

Zusammen mit dem Moderator des Abends, Thomas Schäffer, diskutierten die Medienakteure die Entwicklungen der deutschen und internationalen Serienlandschaft. Der gemeinsame Nenner aktueller deutscher Serienprojekte sei nach Kamml der Anspruch auf die hohe Qualität. Doch alle Gesprächspartner waren sich einig: Es werde zu viel entwickelt und der Markt sei überfüllt. Die Budgets gehen durch private Investitionen nach oben und die Rolle der Vertriebe habe sich komplett gewandelt. “Das Geld ist nach wie vor Faktor Nr. 1”, so Zarges. “Alle wollen teuer und aufwändig produzieren.” Torsten Zarges betonte zwar, dass das Angebot von Netflix in Europa immer weiter ausgebaut werde - so habe sich die Mitarbeiteranzahl im EMEA Headquarter versechsfacht und es seien weitere deutsche Eigenproduktionen geplant - aber auch hier gäbe es strenge Vorgaben, beispielsweise in der Auswahl von Dienstleistern. Sigi Kamml merkte dazu an, dass es bei den Regelungen vor allem um die internationale Kompatibilität ginge, was die Anforderungen natürlich komplizierter mache, da das Produkt in über 200 Ländern funktionieren müsse. Trotz der Bedingungen als “Auftragsproduktion” schätze er die Schnelligkeit und die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Player Netflix. Auch Annette Hess machte die Erfahrung, dass private VoD-Anbieter nicht die komplette Freiheit bieten: “Ich will verstören, ich will aufregen, ich will, dass die Leute am Fernseher kleben.” Private Anbieter wie Amazon Prime seien bei der Auswahl der Inhalte genauso vorsichtig wie öffentlich-rechtliche Sender.

Bei den hohen Produktionskosten dürfe die Relevanz der Kreativtalente nicht außer Acht gelassen werden. Das “große Nadelöhr” seien gute AutorInnen und Crews. Nach Zarges gehe es vor allem um die “Wertschätzung und Macht von Talenten”. Produzent Sigi Kamml bemerkt einen steigenden Druck und Anspruch bei der Produktion: Die Arbeitsregelungen werden strenger, alles müsse schneller gehen und die Qualität müsse dabei gehalten oder überboten werden. Die Crew sei dabei von zentraler Bedeutung. Annette Hess sieht das Ziel nicht darin, die teuerste Serie zu produzieren. Der Fokus liege auf dem Stoff: “Bücher sind die Grundlage, auf denen alles steht - es ist absurd was dafür ausgegeben wird.”

“Amazon Prime und Netflix haben unsere Gewohnheiten geprägt”, so Torsten Zarges. Der Journalist schätzte jedoch, dass nach dieser Wachstumsphase und dem Entstehen von neuen Anbietern nicht alle überleben können. Nach Kamml spiele in zwanzig Jahren das Free-TV keine Rolle mehr und auch für die Kinokrise seien Serien verantwortlich.

Vielfältig, mutig, High-End-Qualität - die deutsche Serienlandschaft blüht weiterhin auf und erfreut sich einer enormen Beliebtheit. Das Format der Serie bietet die Möglichkeit, Geschichten und Figuren mit Tiefe umzusetzen und die ZuschauerInnen zu binden. Private international agierende Streaming-Dienste sind dabei eine besondere Plattform für lokale Geschichten, die global erzählt werden können. Die Gesprächsrunde zeigte unterschiedliche Perspektiven auf und das Publikum nutzte anschließend die Möglichkeit, weitere Fragen an die SerienexpertInnen zu stellen und sich zu Themen wie der Zukunft der Streaming-Dienste und Mediatheken auszutauschen. Anschließend wurde in entspannter Atmosphäre bei herzhaftem Buffet, kalten Getränken und Musik von DJ Lunatic in den Räumlichkeiten des Schauspielhauses genetzwerkt.

Fotos: Timo Jaworr