Projektstipendium Filmstart Bremen 12 - sieben Projekte ausgewählt
Das Bremer Projektstipendium Filmstart von nordmedia - Film- und Mediengesellschaft Niedersachsen/Bremen mbH und Filmbüro Bremen besteht seit 2014 und fördert Nachwuchsprojekte sowie Filmkunst. Auf das diesjährige Förderbudget von 45.500 € bewarben sich 26 Projekte aller Genres und Längen. 92 Prozent der Anträge kamen aus Bremen, 42 Prozent von Frauen und ebenfalls 42 Prozent von Filmschaffenden mit Migrationshintergrund.
Fiktionale Stoffe waren in diesem Jahr nahezu ebenso stark vertreten wie dokumentarische Stoffe, letztere oft mit einem experimentellen Konzept.
Wie üblich werden die Förderentscheidungen bei Filmstart von einer jährlich wechselnden Fachjury getroffen. Dieses Jahr waren das Jörg Siepmann (Produzent bei 2Pilots, Köln), Hoda Taheri (Künstlerin und Filmemacherin, Berlin), Yugen Yah (Filmemacher und Host bei Indiefilmtalk.de, Berlin).
Zwei Tage lang befasste sich die Jury mit den eingereichten Anträgen und diskutierte jedes Projekt einzeln. Grundlage für ihre Entscheidungen sind künstlerische und filmfachliche Gesichtspunkte. Die Diskussion der Jury, ihre fachliche und formale Einschätzung der Anträge, bietet oft wertvolle Hinweise für die Antragsteller:innen. Dieses Feedback kann für zukünftige Anträge genutzt werden. Das Filmbüro Bremen bietet daher eine mündliche Erläuterung der Juryentscheidungen für nicht-geförderte Projekte an.
Die Jury wählte dieses Jahr drei kleinere Projekte für die Produktion aus sowie vier größere Projekte, die in der Projektentwicklung unterstützt werden.
Gefördert werden durch das Projektstipendium Filmstart 12
Tower
Kurzfilmdrama von Astrid Menzel
5.500 Euro, Förderung der Produktion
Während ein Sturm über die Inseln der finnischen Schärengärten hinwegzieht, sucht eine Gruppe Menschen Schutz in einem abgelegenen Flughafentower und hofft auf Rettung aus der Luft. Als ein Hubschrauber kommt und nur einige von ihnen mitnehmen kann, muss die Gruppe entscheiden, wer mitfliegen darf und wer zurückbleiben wird.
Jurybegründung: Die Jury hat entschieden, „Tower“ zu fördern, da das Projekt eine klar zugespitzte Ausnahmesituation entwirft, in der eine Gruppe unter Zeitdruck existenzielle Entscheidungen treffen muss. Die Frage, wer gerettet wird und wer zurückbleibt, bildet den Kern der Erzählung und verleiht dem Film eine unmittelbare Dringlichkeit. Der Film entwickelt sich von einer scheinbaren Katastrophensituation hin zu einer Beobachtung menschlichen Verhaltens, in der Solidarität, Zufall und individuelle Haltung gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Die Jury hebt hervor, dass das Projekt weniger auf klassische Dramatisierung setzt, sondern auf Verdichtung von Momenten und Entscheidungen. Dadurch entsteht ein eigenständiger Zugriff auf ein universelles Thema: den Umgang mit Unsicherheit und die Frage nach Verantwortung innerhalb einer Gruppe. Insgesamt sieht die Jury ein prägnantes Kurzfilmprojekt mit klarer erzählerischer Idee, das durch seine Mischung aus Spannung, Reduktion und subtiler Ironie ein eigenständiges Profil entwickelt.
Zwei Stunden Ehe
Experimentalfilm von Hassan Sheidaei
6.000 Euro, Förderung der Produktion
Der Film „Zwei Stunden Ehe“ ist ein intimes Kammerspiel, das vollständig aus der Perspektive eines unsichtbaren dritten Mitfahrers erzählt wird. Ein Mann und eine Frau fahren gemeinsam durch die Nacht. Sie haben kurz zuvor Drogen konsumiert. In ihrem Zustand beginnen sie, ihre Realität neu zu konstruieren: Für beide fühlt es sich zunehmend selbstverständlich an, dass sie längst ein Ehepaar sind. Die zentrale Frage des Films ist nicht, ob ihre Erinnerungen wahr sind, sondern wann eine Beziehung beginnt. Reicht eine gemeinsame Geschichte - selbst wenn sie gerade erst erfunden wird?
Jurybegründung: Die Jury hat entschieden, das Projekt in der Produktion zu fördern, da es durch seine reduzierte formale Setzung eine eigenständige Sprache entwickelt. Die Beschränkung auf einen Raum und eine feste Perspektive erzeugt eine klare Konzentration auf Wahrnehmung, Dialog und die Konstruktion von Realität. Inhaltlich überzeugt die Idee einer spontan erfundenen Vergangenheit, die sich zunehmend verdichtet und Fragen nach Identität und Beziehung aufwirft. Die Verschiebung zwischen Fiktion und empfundener Wahrheit verleiht dem Film zusätzliche Tiefe. Der Antragsteller zeigt eine erkennbare künstlerische Handschrift im experimentellen Bereich, die eine präzise Umsetzung erwarten lässt. Die Jury sieht ein formal konsequentes und künstlerisch eigenständiges Kurzfilmprojekt mit Festivaltauglichkeit.
After Dvina
Experimenteller Dokumentarfilm von Yuliya Tsviatkova
12.500 Euro, Förderung der Produktion
Im Spiegel eines glazialen Sees verschmilzt die verfallene Raketenbasis mit Wald und Moor - ein Ort, an dem die Natur Erinnerung bewahrt, während menschliches Gedächtnis verblasst. „After Dvina“ ist eine filmische Meditation über das Vergessen, über Landschaften als Archive der Gewalt und über das unruhige Flimmern einer Vergangenheit, die nicht vollständig vergangen ist.
Jurybegründung: „After Dvina“ ist ein dokumentarisch-experimenteller Film, der sich mit Erinnerung, der Natur und den Spuren des Kalten Krieges auseinandersetzt. Wir als Jury haben uns für Förderung dieses Projekts entschieden, weil es ein ansprechendes und zugleich eigenständiges Konzept verfolgt. Besonders überzeugend sind dabei der Hintergrund und die vorangegangenen Werke der Filmemacherin, die einen differenzierten Blick auf Natur als lebendiges, resilientes System ermöglichen, was dem Film eine zusätzliche inhaltliche Tiefe verleiht. Obwohl die ruhige, essayistische Form nicht unmittelbar zugänglich ist, erkennen wir in der konsequenten ästhetischen Haltung und der Bildsprache eine klare künstlerische Vision.
A Second Life
Dokumentarfilm von Simona Theoharova
6.000 Euro, Förderung der Projektentwicklung
Ein palästinensischer Künstler verwandelt sein Trauma in Fußball und Theater als sichere Orte für Kinder, während ein palästinensisch-europäisches Filmteam sich durch die absurde Realität der Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm im Westjordanland navigiert - herzzerreißend, trotzig und unerwartet komisch. Eine kreative Doku aus unterschiedlichen und ungewohnten Blickwinkeln und unter besonderen Umständen.
Jurybegründung: „A Second Life“ ist ein abendfüllender Dokumentarfilm über den palästinensischen Theatermacher Qais Owais. Wir als Jury haben uns zur Förderung dieses Projekts entschieden, weil es auf eindrucksvolle Weise eine persönliche Geschichte mit universellen Fragen nach Resilienz, Würde und Selbstbestimmung verbindet. Besonders überzeugt hat uns der Perspektivwechsel: Statt eines klassischen Krisenblicks zeigt der Film, wie Kunst und Gemeinschaft als aktive Formen des Überlebens und der Hoffnung wirken. Qais’ Engagement für Kinder und Jugendliche schafft konkrete Räume jenseits von Ideologie - ein Ansatz von hoher gesellschaftlicher und politischer Relevanz. Darüber hinaus zeichnet sich das Projekt durch eine mehrschichtige und reflektierte filmische Umsetzung aus. Die Verbindung aus dokumentarischer Beobachtung, Re-Enactments und einer Meta-Ebene über den Entstehungsprozess ermöglicht eine differenzierte, selbstkritische Erzählweise. Insgesamt überzeugt „A Second Life“ als ein mutiges, relevantes und formal ambitioniertes Projekt mit nachhaltiger Wirkung.
Gott vs Herrgott
Satirische Knetgummi-Serie von Jule Körperich
6.000 Euro, Förderung der Projektentwicklung
Als GOTT - eine liebenswerte, schwarze Frau mit dünnem Nervenkostüm - nach 20.000 Jahren Elternzeit an ihren Arbeitsplatz im Himmel zurückkehrt, stellt sie entsetzt fest, dass ihr Stellvertreter HERRGOTT in ihrer Abwesenheit richtig Scheiße gebaut hat - die Erde ist übersät mit Problemen, die auf der neuen Macht des Patriarchats basieren. Unterdrückung, Krieg, Klimakrise, Hungersnöte - der Planet brennt! Und alle Sorgen der Menschheit finden ihren Ursprung in der mangelnden Empathie und Machtgeilheit der Männer in Führungspositionen. Gott wird stinksauer und beschließt nicht nur Herrgott zu beurlauben, sondern auch die durch das Patriarchat verursachten Probleme mit ihrer allumfassenden Macht zu lösen. In jeder Folge der ca. 5 Minuten langen Episoden sehen wir einen Versuch.
Jurybegründung: Die Jury unterstützt „Gott vs. Herrgott“ aufgrund seines mutigen, originellen und hochrelevanten Konzepts, das sich dringenden feministischen Themen durch Satire, Humor und eine subversive Erzählperspektive nähert. Indem Gott als weibliche Protagonistin neu gedacht wird, die sich einer von patriarchalen Strukturen geprägten Welt stellt, schafft das Projekt einen eindrucksvollen und zugänglichen Rahmen, um über systemische Ungleichheit, Macht und soziale Schieflagen zu reflektieren. Besonders überzeugt hat uns die Fähigkeit des Projekts, politische Schärfe mit einem spielerischen Ton zu verbinden, wodurch komplexe und oft schwierige Themen auf eine fesselnde und breit zugängliche Weise vermittelt werden können. Es handelt sich um ein mutiges, zeitgemäßes und künstlerisch überzeugendes Projekt mit klarem Potenzial, bei einem zeitgenössischen Publikum Resonanz zu finden und sowohl kritische Reflexion als auch Unterhaltung zu bieten.
Anschluss
Dokumentarfilm von Iván Simonovis Pertiñez
5.500 Euro, Förderung der Projektentwicklung
Eine Frau verlässt Bremen. Ein Baby bleibt zurück. Jahrzehntelang schweigt ihre neue Familie in Venezuela. In „Anschluss“ kehrt Iván Simonovis Pertiñez in die Heimatstadt seiner Großmutter Luise Heidenreich zurück, um eine Geschichte zu rekonstruieren, die lange verborgen blieb. Durch Fotografien, Briefe und die Orte, die sie einst bewohnte, wird eine Frau sichtbar, geprägt von Migration, Schweigen und Entscheidungen, deren Folgen noch heute in der Familie nachhallen.
Jurybegründung: Die Jury unterstützt „Anschluss“ für seinen sensiblen und eindringlichen Zugang zu einer zutiefst persönlichen und zugleich universell resonanten Geschichte von Migration, Abwesenheit und generationsübergreifender Erinnerung. Das Projekt rekonstruiert sorgfältig eine lange verschwiegene Familiengeschichte, die sich in Fragmenten aus Archiven, Orten sowie der ethischen Komplexität von Aufbruch, Zugehörigkeit und den Folgen persönlicher Entscheidungen über die Zeit hinweg entfaltet. Besonders überzeugt hat uns die klare filmische Vision, die beobachtende Elemente mit einer reflektierten Auseinandersetzung mit Fotografien, Briefen und aufgezeichneten Erinnerungen verbindet. Diese fragmentarische und zugleich bewusste Erzählstruktur spiegelt die Natur von Erinnerung selbst wider und lässt eine Geschichte mit großer Intimität und Tiefe entstehen. Es ist ein leises, aber kraftvolles Projekt mit starkem künstlerischen Potenzial, das sowohl erzählerische Reife als auch eine klare Handschrift der Regie erkennen lässt.
Ghostly Pathways
Spielfilm von Yuval Hameiri
4.000 € Förderung der Projektentwicklung
When Toby, a frustrated writer seeking a quiet cabin to work, arrives in a remote, bizarre land, his primary concern is establishing a functional Wi-Fi connection. Instead, he stumbles into a ticking cosmic clock. In this world, every 15 years, the sky turns red, rivers run black, and gods descend to demand a horrific tribute from the local youth: surrender your body or your spirit. Consequently, the land is populated by mindless bodies (“The Flesh”) and bodiless spirits (“The Winds”). Toby learns he has arrived just seven days before the next descent, and as a visitor present during the event, he will be forced to make the ultimate sacrifice. He must make an absurd choice: flee back to civilization, or stay, observe, and sacrifice a part of himself.
Jurybegründung: Die Jury hat entschieden, das Projekt zu fördern, da es eine eigenständige künstlerische Vision verfolgt, die absurdes Erzählen mit existenziellen Fragestellungen verbindet. Das Projekt entwirft eine bildhafte Welt, in der persönliche Erfahrung und philosophische Reflexion zu einer eigenen filmischen Sprache zusammenfinden. Besonders hervorzuheben ist die Verbindung von Humor und existenzieller Bedrohung, die dem Stoff eine klare Tonalität verleiht. Die autobiografische Perspektive des Autors, geprägt von Flucht und dem Leben in Bremen, verleiht dem Projekt emotionale Authentizität und gesellschaftliche Relevanz. Zugleich gelingt es, diese Erfahrungen in eine universelle Erzählung über Identität und Zugehörigkeit zu überführen. Der Bremen-Bezug stärkt die lokale Filmszene. Die Jury sieht ein hohes Potenzial für einen international relevanten Film.
Die Stipendiat:innen haben nun bis Dezember 2027 Zeit, ihre Projekte zu realisieren. Sie werden dabei vom Filmbüro Bremen begleitet und ggf. mit Einzelcoachings durch Bremer Filmschaffende unterstützt.
