Rückblick 2010

Viele Teilnehmer bei der Serious Games Conference 2010

Am 5. März nahmen rund 350 Besucher aus Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung an der international besetzten Konferenz - gleichzeitig auch ein Netzwerktreffen - teil. Das jährliche Event im Rahmen der CeBIT wird veranstaltet von nordmedia - Die Mediengesellschaft Niedersachsen/Bremen mbH und dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e. V. (BIU).

Nach einer kurzen Begrüßung des Mitveranstalters und Geschäftsführers des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware e. V., Olaf Wolters, gab Dr. Stefan Göbel (TU Darmstadt) mit einer Definition von „Serious Games“ einen fachlichen Einstieg in den Konferenztag und steckte so den thematischen Rahmen ab. Es folgte die Keynote zum Thema „Different lands, same concerns“ von Noah Falstein, amerikanischer Designer und Produzent von Unterhaltungs- und Serious Games. Falstein stellte in seiner Eröffnungsrede internationale Projekte vor, die trotz bestehender gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, kultureller und technischer Unterschiede viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Serious Games seien auf dem Vormarsch lautete das Fazit und die Befindlichkeiten in der Entwicklung dabei weltweit bemerkenswert ähnlich.

Mary Matthews, zuständig für Strategie und Business Development bei Blitz Game Studios UK, einem der weltweit größten Unternehmen im Bereich der Independent-Game-Produktion, referierte über die steigende Verbreitung von Serious Games zu Trainingszwecken in Unternehmen und Institutionen. Dabei stellte sie beispielhaft britische Unternehmen vor, die Serious Games bereits für unterschiedliche Zwecke einsetzen.

Seit 2007 ist Roman Schönsee Projekt- und Account-Manager bei dem niederländischen Entwickler Ranj Serious Games. Sein Vortrag beleuchtete die Besonderheiten bei Entwicklung und Vermarktung von Serious Games. Zu dem internationalen Line-Up der Veranstaltung gehörte auch Kam Star, Gründer von PlayGen als weltweit führende Unternehmung bei der Entwicklung von Serious Games. Er referierte unter dem Titel "Sex, violence and alcohol abuse, tackling serious issues with Serious Games" zu der Fragestellung, wie sich sozial „heiklen“ Themen spielerisch genähert werden kann.

„Geschätzte 4 Millionen Analphabeten in Deutschland können den Anforderungen des Alltags nicht gerecht werden“ so Holger Diener, vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung Rostock. Er erläuterte den Entstehungsprozess des mit öffentlichen Mitteln geförderten Lernspiels „Winterfest“, das Analphabeten ermutigen soll, ihre Lese- und Schreibschwächen spielerisch zu entgegnen.

Prof. Ulrich Götz von der Zürcher Hochschule der Künste berichtete über die Entwicklung von „Gabarello“, einem Serious Game für den Lokomat, die weltweit erste robotergestützte Gangorthese, die bei Kindern und Jugendlichen mit zentralen Gangstörungen zu Therapiezwecken eingesetzt wird. In seiner Präsentation legte Prof. Götz den Schwerpunkt auf die Konzept- und Design-Entwicklung sowie die Interaktion zwischen „Gabarello v. 1.0“ und dem Roboter „Lokomat“.

15% der Schulen in Dänemark nutzen bereits Serious Games, um Unterrichtsinhalte im Bereich der politischen Bildung zu vermitteln. Dies berichtete Tilman Geishauser, Vertreter des renommierten dänischen Entwicklers Serious Games Interactive, welche u. a. die international erfolgreiche „Global Conflict“ Reihe entwickelt hat. Neben einer Auswertung der Potenziale von Computerspielen als Lehrmaterial referierte Geishauser am Beispiel von „Global Conflict: Latin America“ über grundlegende Spielmechanismen bei Serious Games.

In der Paneldiskussion, unter der Leitung von Noah Falstein, nahmen Vertreter aus Wissenschaft, Praxis und Industrie teil. Thematisch ging es dabei nicht nur um den Status Quo von Serious Games in Europa und den USA, sondern auch um die unterschiedlichen Möglichkeiten der Finanzierung und Gründung sowie neueste Entwicklungen und Trends der noch jungen Branche. Angeregte Diskutanten waren Prof. Dr. Jörg Müller-Lietzkow (Universität Paderborn), Olaf Grauschmitt (Microsoft Germany), Carsten Fichtelmann (Daedalic Entertainment GmbH), Bruno Kollhorst (Techniker Krankenkasse), Mary Matthews (Blitz Games Studios) und Kam Star (PlayGen).

Im direkten Anschluss an die Konferenz fand am Abend die Preisverleihung des Serious Games Award 2010 statt. Die Expertenjury um Dr. Stefan Göbel (TU Darmstadt), Moses Grohé (Stellvertretender Chefredakteur des Fachmagazins GEE) und Prof. Eku Wand (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig) sowie Sebastian Wolters (nordmedia) kürte die drei Gewinner mit einem Preisgeld in Höhe von insgesamt 22.500 €.

Das zu der gleichnamigen Fernsehserie gehörende Lernspiel „Willi wills wissen: Bei den Wikingern“, war bei der Preisverleihung der strahlende Gewinner und bekam den Serious Games Award 2010 in Gold. Die Jury begründete die Entscheidung zugunsten dieses Spiels damit, dass hier gerade auch das eigenmotivierte Lernen durch die hervorragende Umsetzung gefördert würde. Das interaktive Spiel führt Kinder ab 8 Jahre in spielerischer Weise und mit realistischer 3D-Grafik sowie Einspielvideos in die Geschichte der alten Wikinger ein.

Der Serious Games Award in Silber ging an das Spiel „Virtuelles Training für Polizeieinsatzkräfte“. Dieses wurde im Auftrag des Landes Baden-Württemberg entwickelt und dabei durch die Universität Tübingen wissenschaftlich begleitet. In der Simulation können mit Hilfe eines Editors verschiedene Trainingsszenarien realitätsgetreu nachgestellt werden, mit denen Polizeikräfte auf reale Einsätze vorbereitet werden. Besondere Anerkennung der Jury fanden dabei neben der anspruchsvollen 3D Optik vor allem auch multimediale und kommunikative Aspekte, wie beispielsweise die Verbindung der einzelnen Spieler über Funk und die Möglichkeit der Aufzeichnung von durchspielten Szenarien für eine genaue Nachbetrachtung durch die Anwender.

Der Serious Games Award in Bronze ging an den Prototypen des Spiels „Team Player“ des Hamburger Entwicklers Daedelic Entertainment. Bei dem Spiel geht es vor allem um die Stärkung der fachlichen und interkulturellen Kompetenzen junger Auszubildender. Die Jury lobte gerade die gelungene spielerische Verbindung dieser beiden Schlüsselkompetenzen in einem Spiel. Weiterhin betonte die Jury, dass bei diesem Serious Game der Spielspaß besonders im Vordergrund stünde, weshalb eine gerade bei der Zielgruppe erfolgversprechende unterschwellige Aufnahme der vermittelten Lerninhalte erfolgen könne. Das Spiel ist als Point & Click Adventure konzipiert. Es lässt die Spieler in verschiedene Persönlichkeiten und Berufsbilder schlüpfen, um anspruchsvolle kommunikative und fachliche Aufgaben bzw. Rätsel zu lösen.

Sebastian Wolters vom Veranstalter nordmedia berichtete in seiner Begrüßungsrede, dass man mit insgesamt 66 Einreichungen ein Drittel mehr Einreichungen bekommen habe als in 2009. Auch die Qualität der Einreichungen habe zugenommen. So fanden sich vermehrt komplexere Prototypen sowie industrielle Simulationsanwendungen unter den Einreichungen. Wolters würdigte den Erfolg der gemeinsamen Serious Games Aktivitäten durch nordmedia, dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e. V., Hessen IT und der Wirtschaftsförderung Bremen und sieht deutliche Zeichen für ein stetiges Bedeutungswachstum dieses innovativen Wirtschaftsstranges.

Das obligatorische Grußwort gab Ministerialdirigent Ernst Hüdepohl als stellvertretender Leiter der Niedersächsischen Staatskanzlei. In diesem ging Hüdepohl auf die wachsende Bedeutung von Serious Games Applikationen gerade auch für die traditionelle Wirtschaft ein. Weiterhin lobte Hüdepohl das Thema Serious Games als hochgradig innovativ und rief die Teilnehmer dazu auf, sich stärker in diesem Zukunftsfeld zu betätigen.

Konferenz und Preisverleihung fanden ihren würdigen Abschluss in einem Netzwerk Get-together, wo sich alle Beteiligten in entspannter Atmosphäre austauschten.