EMAF 2018: "Report - Notizen aus der Wirklichkeit"

18. bis 22. April 2018: Festival/bis 21. Mai 2018: Ausstellung, Osnabrück

Das European Media Art Festival ist in seiner Aktualität so nah und relevant wie nie. In Zeiten von Datenklau bei Facebook, Wahlbeeinflussung durch Geheimdienste, drohenden Wirtschaftskriegen und zweifelhaften Rüstungsexporten wird die Arbeit der populistisch als „Lügenpresse“ bezeichneten Journalisten kritisch hinterfragt. Auch das EMAF stellt Fragen und versucht, Antworten oder vielleicht sogar Orientierungspunkte in der Verbindung von Medienkunst und Journalismus anzubieten.

Das aktuelle Festival-Thema „Report - Notizen aus der Wirklichkeit“ beschäftigt sich mit dem wachsenden Interesse von KünstlerInnen an dokumentarischen und journalistischen Arbeitsweisen: Wie recherchieren KünstlerInnen? Welche neuen Perspektiven eröffnen sich, wenn das Weltgeschehen aus künstlerischer Sicht betrachtet wird? Wie lässt sich von der Wirklichkeit „wirklich“ erzählen? Und wie kann Medienkunst im Fall von politischen Krisen intervenieren?

Zu den verschiedenen Sektionen des Festivals haben mehr als 2.100 KünstlerInnen ihre Arbeiten eingereicht. Die Auswahlkommissionen haben daraus 150 Kurz- und Langfilme, mehr als 70 Installationen, Live-Performances, fünf zum Festivalthema kuratierte Filmprogramme sowie mehrere Konferenzbeiträge ausgewählt. Außerdem erwartet die Besucher an den fünf Festivaltagen ein umfangreiches Programm von Studierenden verschiedenster Hochschulen Europas an neuen Festivalorten.

Candice Breitz - PROFILE
Candice Breitz - PROFILE

Auch die Ausstellung des EMAF wird sich mit dem Festival-Thema „Report - Notizen aus der Wirklichkeit“ befassen. Sie will zeigen, wie künstlerische Berichte und Bilder neue Auseinandersetzungen mit der Realität eröffnen und inwiefern sie journalistische Formen übernehmen, transformieren oder widerlegen. Damit geben sie einen Ausblick auf das, was an Arbeit vor uns liegt; auf kommende Entwicklungen hin zu einem Blick auf die Realität, der uns die Komplexität unserer Welt klar vor Augen hält und trotzdem Wege aufzeigt, konstruktiv damit umzugehen.

DAS KONGO TRIBUNAL TRANSMEDIA
DAS KONGO TRIBUNAL TRANSMEDIA

Candice Breitz (ZA) beispielsweise zeigt in ihrer Arbeit Profile ein selbstironisches Spiel mit und über Zuschreibungen und Repräsentationen. Profile entstand als Beitrag Südafrikas für die Venedig-Biennale. Die Künstlerin tritt aus dem Selbstportrait, um Platz zu machen für zehn andere KünstlerInnen Südafrikas, die ebenfalls für die weltbekannte Biennale hätten ausgewählt werden können.

Mit DAS KONGO TRIBUNAL TRANSMEDIA gelingt es Theaterstar Milo Rau (D), Opfer, Täter, Zeugen und Analytiker des Kongokrieges zu einem zivilen Volkstribunal im Ostkongo zu versammeln. Das einzigartige, transmediale Kunstprojekt thematisiert damit einen der entscheidenden wirtschaftlichen Verteilungskämpfe im Zeitalter der Globalisierung, der bereits mehr als sechs Millionen Tote gefordert hat.

AIR STRIKE ATIMAH
AIR STRIKE ATIMAH

Grundlage für die Arbeit AIR STRIKE ATIMAH von Forensic Architecture (UK) bilden Fotos und Videos, die Menschen in einem Flüchtlingslager nahe der (syrisch-)türkischen Grenze gemacht und auf Social-Media-Websites hochgeladen haben. Sie zeigen Bombenwolken von einem Abwurf, dessen Ziel offenbar in der Gegend operierende al-Quida-Kämpfer waren. Bei dem Angriff wurden sechs Zivilisten getötet. Eine detailreiche kriminalistische Untersuchung von Nachrichtenereignissen hat die britische Künstlergruppe auch bei der documenta 14 gezeigt.

DIE SCHLÄFERIN
DIE SCHLÄFERIN

Das Filmprogramm umfasst in diesem Jahr wieder 150 Kurz- und Langfilme. Gezeigt wird ein Programm, das im Spannungsfeld zwischen narrativem Experiment, dokumentarischem Blick und visueller Kunst angesiedelt ist. Mit dabei ist auch der nordmedia-geförderte Experimentalfim DIE SCHLÄFERIN von Alex Gerbaulet, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte. Der Film ist eine Annäherung an die Lebensgeschichten zweier Frauen, deren Persönlichkeiten hinter ihren Rollen als Ehe- und Hausfrauen zum Verschwinden gebracht wurden. Sie waren solange unsichtbar, bis sie selbst zu Täterinnen wurden.

SHADOW WORLD
SHADOW WORLD

Ein Sonderprogramm ist dem Festival-Thema gewidmet. Zu sehen ist unter anderem der Film SHADOW WORLD des international renommierten Medienkünstlers Johan Grimonprez. Angelehnt an ein Buch des ehemaligen Politikers und Autors Andrew Feinstein zeichnet er die korrupten Verwicklungen von Politik und globalem Waffenhandel nach. In einem dichten Gewebe aus Found footage, ExpertInneninterviews und fiktiven erzählerischen Passagen vermittelt der Film die perverse Logik einer Politik, die Angst schürt, um Macht zu erhalten, und Bedrohungen erfindet, von denen jene profitieren, die die Waffen zu ihrer scheinbaren Bekämpfung liefern.

Johannes Kreidler INSTRUMENTS
Johannes Kreidler INSTRUMENTS

Eine Ergänzung und eine Weiterdrehe zu mehreren in der Kunsthalle und im Filmprogramm gezeigten Arbeiten findet auf der  Konferenz statt. Johan Grimonprez, Eva Maria Bertschy und Korpys/Löffler sind nur einige der Gesprächspartner. Weitere Themen sind hier die Ästhetik von Bildern des Terrors, neue Strategien des Journalismus und die Frage, wie Künstliche Intelligenz die Darstellung von Realität zukünftig prägen wird und welche Implikationen damit verbunden sind.

Noriyuki Suzuki OH MY ( )
Noriyuki Suzuki OH MY ( )

Der Media Campus INIT hat sich in diesem Jahr einen zusätzlichen Standort erschlossen: die Theaterpassage mit INIT | The EMAF Experiences bietet mehreren Klassen verschiedener deutscher Kunsthochschulen (darunter die HfK Bremen und die HBK Braunschweig) einen Experimentierraum, ein Labor und ein Spielfeld für ab- und unabgeschlossene Arbeiten und gewagte Ausstellungskonzepte. Dieser einmalige Standort wird ergänzt durch Ausstellungen studentischer Arbeiten an drei weiteren Orten in der Stadt. Außerdem hat das Media Campus INIT-Team Filmprogramme ausgewählt, die alternative Lebensentwürfe genauso thematisieren wie die knallbunte Flimmerwelt im digitalen Kosmos.

Weitere Informationen: www.emaf.de