Projektstipendium Filmstart 03 - neun Projekte ausgewählt

nordmedia und das Filmbüro Bremen haben für Nachwuchsfilmprojekte und künstlerische Filme mit einem Förderbedarf zwischen 1.000 und 10.000 Euro gemeinsam das Projektstipendium Filmstart entwickelt und nun zum dritten Mal vergeben. In diesem Jahr standen 37.750 Euro zur Verfügung.
41 Filmschaffende - davon 34 aus Bremen - hatten sich mit ihren Projekten beworben. Dokumentarfilme, Spielfilme und Animationen, Projektentwicklung und Produktion - die Anträge spiegeln das vielseitige regionale Filmschaffen wieder.

Die Jury bestand aus Roxana Richters (Produzentin Wechselstube Film, Berlin), Edzard Wagenaar (Leitung Sektion Kurzfilm, Internationales Filmfest Emden Norderney), sowie Bartosz Werner (Regisseur und Dramaturg).

Die Jury hat am 21. und 22. April neun Projekte ausgewählt.  

Der Schwerpunkt des Projektstipendiums liegt auf der Produktion - sieben Projekte werden in den nächsten Monaten entstehen. Zwei weitere Projekte werden in der Entwicklung gefördert.
Auch thematisch wird die Vielseitigkeit wiedergespiegelt: Es geht um Gamer-Generations-Konflikte, Desertion von Soldaten, die Grauzone eines sexuellen Übergriffes, ein Eintauchen in das Bremerhaven der 1980er Jahre, sowie ein Experiment in 360°.

Wir können gespannt sein und danken der Jury für die engagierte Befassung und Auswahl.

Niciji Dom:
Nevena Savic (Bremen)
7.000 € - Produktion Kurzfilm Animation und Fiction

Ein Haus in Bosnien, wo ein alter Mann isoliert lebt. Während im Realfilm gezeigt wird, wie sich Ivicas Zustand zunehmend verschlechtert, zeigen kurze Animationssequenzen Szenen aus seiner Biographie, die mit dem Niemandsort verbunden sind.

Jurybegründung: „Ein sowohl künstlerisch als auch handwerklich absolut überzeugend gearbeitetes Treatment. Die Geschichte um den alten, vereinsamten Ivica im vielfältig auszudeutenden "Niemandsort" Bosnien, erzählt in einer Collage von Realfilm und Animationsquenzen, ist trotz der herausfordernden künstlerischen Anlage dieses Kurzfilms tief berührend. Ein gelungener Spagat, der Anerkennung, Respekt und ein großes aufgeschlossenes Publikum mehr als verdient.“

Nachtbesuch
Joanna Vogdt (Berlin), Kinescope (Bremen)
5.600 € - Produktion Kurzfilm

Am frühen Morgen steht eine junge Frau zitternd mit Tränen in den Augen, verschmiertem Make-up und Backpacker-Rucksack vor einem Haus. Was ist passiert? Der Film erzählt eine Geschichte der vorhergegangenen Nacht und beleuchtet eine Grauzone zwischen Missverständnis und sexuellem Übergriff.

Jurybegründung: „Wo endet einvernehmlicher Sex und wo fängt Vergewaltigung an? Ein Tabuthema. Mit dichter Atmosphäre, guten Dialogen und nachvollziehbaren Figuren schafft die Regisseurin Joana Vogdt eine Gratwanderung, die den Zuschauer in der Grauzone seiner Gefühle zurücklässt. Mit leisen Tönen, langsamem Tempo und unaufdringlicher Erzählweise wird der Zuschauer Zeuge eines physischen aber vor allem eines psychischen Übergriffs, der nicht nur Ratlosigkeit und tiefste Verzweiflung in der weiblichen Hauptfigur auslöst. Ein Horror-Trip im Schlafzimmer von nebenan, der den Zuschauer nicht kalt lassen wird.“

Leben (AT)
Annette Ortlieb (Bremen)
4.650 € - Projektentwicklung Dokumentarfilm

Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, die beide mit 19 Jahren entschieden haben, dass sie nicht töten wollen, die sich beide mit Leidenschaft für eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse in ihrem Land eingesetzt haben und einsetzen. Ludwig Baumann, 95 Jahre, Deserteur der Wehrmacht. Tair Kaminer, 20 Jahre, Verweigerin der israelischen Verteidigungsarmee. Im Januar 2017 begegneten sie sich in Bremen.

Jurybegründung: „Das Projekt beleuchtet das wichtige zeitgeschichtliche wie aktuelle Thema Desertion in Einbezug mehrerer Zeitebenen und ermöglicht durch die Beleuchtung multipler Perspektiven eine universelle, über das Einzelschicksal hinaus gehende Auseinandersetzung mit dem Thema. Durch die Gegenüberstellung zweier Schicksale und Generationen wird ein spannender Kontrast hergestellt, welcher gleichzeitig eine mitreißende Entwicklung der Story ermöglicht.“

Wilde Nächte '89
Jan Schmitt (Wiesbaden)
4.000 € - Projektentwicklung Dokumentarfilm

In einer Hafenstadt soll eine legendäre Kneipe dichtgemacht werden, sie steht kapitalen Interessen im Wege. Der Szene-Treff wird verrammelt und zugemauert. Lange hält das nicht. Jugendliche reißen die Mauern ein, Polizei rückt an und plötzlich stehen Väter ihren eigenen Kindern gegenüber.

Jurybegründung: „"Fishtown" at it's best! "Wilde Nächte '89" bringt ein wertvolles Stück jüngerer Zeitgeschichte zu Tage und schildert eine bunte, zuweilen rabiate aber stets vitale Protestbewegung im Bremerhaven der späten 80er Jahre. In dieser vermeintlich kleinen regionalhistorischen Episode spiegelt sich der Zeitgeist einer ganzen Generation wieder, die sich mit ihrem Widerstand nicht nur gegen die Schließung ihres Jugendtreffs stemmt, sondern gleichermaßen auch gegen den wirtschaftlichen und sozialen Niedergang ihrer Heimatstadt lauthals protestiert. Große Geschichte - erzählt an einem kleinen Beispiel gleich um die Ecke in Bremerhaven. Besser kann man es nicht machen.“

Ein Stückchen Heimat - vom Flüchtling zum Cricketmeister
Alexandra Hardorf und Christiane Schwarz  (Bremen)
4.000 € - Produktion Dokumentarfilm

Aus der Tristesse der Flüchtlingsheime holte die pakistanische Fußpflegerin Nisar Tahir junge Männer auf das Cricketfeld.

Jurybegründung: „Das große Thema Integration - herunter gebrochen auf eine gleichermaßen kleine wie außergewöhnliche Episode. Die pakistanische Fußpflegerin Nisar Tahir baut mitten in Bremen mit Flüchtlingen ein Team für den Volkssport ihres Heimatlandes auf: Cricket. Die vermeintlich ungebildeten „Fremden“ vom Hindukusch haben auf diese Art und Weise plötzlich festen Boden unter den Füssen und können ihre Talente und Fähigkeiten voll ausspielen... und sie können den Hiesigen sogar noch etwas beibringen. "Home Ground" - fern der Heimat und im besten Sinne des Wortes. "Gute Stoffe liegen wie reife Äpfel rechts und links des Weges" (Ray Bradbury). Dass die Macher dieses Projektes diesen reifen Apfel am Weg gefunden haben, ist ein absoluter Glücksfall.“

Zehn Worte. Episode III: Wanda Wilkomirska
Christine Jezior (Bremen)
4.000 € - Produktion Dokumentarfilm

Zehn Gebote. Zehn Geschichten. Eine Stadt. In kurzen Episoden, die intime Einblicke in vollkommen verschiedene Lebensgeschichten und Entwürfe gewähren, entsteht das facettenreiche Bild einer aktuellen Auffassung von Ethik und nebenbei das komplexe Portrait einer Stadt und ihrer Bewohner.

Jurybegründung: „In zehn kurzen Episoden werden Lebensgeschichten und Entwürfe portraitiert, die einen feinfühligen Einblick in das soziale Gefüge der Stadt Bremen gewähren. Die Regisseurin Christine Jezior nutzt die zehn Gebote als einen philosophischen und thematischen Leitfaden, der es ihr ermöglicht in die Tiefe ihrer sorgfältig gewählten Protagonisten vorzudringen. Dabei entsteht ein zusammenhängendes Mosaik, wo die Fragen der Ethik in den aktuellen Fokus gerückt werden. Ein zutiefst menschliches und somit poetisches Projekt, dass nicht nur Bremer und Bremerinnen berühren wird.“

Koexistenz
Johann Büsen (Bremen)
3.000 € - Produktion 360° Reality Video

Surrealer Episodenfilm, der mit Elementen aus Theater und Performance spielt. Dank 360 Grad Rundumblick und modernster Technik sind wir durch die VR-Brille mitten ins Geschehen eingebunden.

Jurybegründung: „Das Projekt erforscht neue narrative Erzählformen und ist ein spannendes Experiment in Bezug auf das Medium der virtuellen Realität. Der packende inhaltliche Ansatz im Kontext mit der formellen Fragestellung nach der Möglichkeit des Einbindens des Zuschauers wird auf spannende Weise miteinander in Verbindung gebracht.“

Nerds 4 Fame
Lars Czekalla (Bremen)
3.000 € - Produktion Komödie

Eine Komödie über Rollenspielklischees und die nicht ganz alltäglichen Probleme des Alltags.

Jurybegründung: „In vier Kurzgeschichten wird einer der wichtigsten Generationenkonflikte schlechthin aufbereitet: Ergraute Gamer vs. heranwachsende Gamer. Der Autor und Regisseur Lars Czekalla stellt die 1. Gamer-Generation (Eltern) und die 2. Gamer-Generation (ihre Kinder) auf humorvolle und politisch unkorrekte Art und Weise gegeneinander auf - unüberwindbare Konflikte sind die Konsequenz. Dennoch schaffen es aber beide Generationen die Spielleidenschaften der anderen im Kern zu respektieren und zu würdigen. Eine Begegnung auf Augenhöhe ist die Folge. Lars Czekalla versteht es in seinen Geschichten Eltern und ihre Kinder näher zusammenzurücken und einander Halt zu geben - Computerspiele machen es möglich. Diese generationsübergreifende Vision ist nicht nur zeitgemäß und modern, sondern bietet vielfältige Auswertungsmöglichkeiten nicht nur innerhalb der Gamerszene, sondern auch im digitalen und transmedialen Bereich, (wo sich moderne Familien wieder begegnen können).“

Heimatlos
Hassan Sheidaei (Bremen)
2.500 € - Produktion Dokumentarfilm

Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den sanitären Anlagen in Europa und Asien. Der Unterschied besteht nicht nur in der Form des Klosetts, sondern vor allem in Vorhandensein des Wassers direkt an der Toilette, sodass man sich waschen kann. Der Film thematisiert anhand dieses Unterschiedes die Probleme der Integration bei einem Flüchtling, der sich damit überfordert fühlt.

Jurybegründung: „Der Stoff überzeugt mit seiner ungewöhnlichen Thematik und dem Ansatz, etwas profanes - die Toilette - als Symbol für die Schwierigkeiten der Integration zu nutzen. Der ungewöhnliche Schwerpunkt in Verbindung mit dem nordischen Humor macht den Film zu einer thematischen Perle.“

Die Stipendiaten haben ein Jahr Zeit, ihr Projekt zu realisieren. Die Abwicklung der Förderung erfolgt über das Filmbüro Bremen e.V..

Näheres zu den einzelnen Projekten finden Sie unter: http://www.filmbuero-bremen.de/filmstart-03/