Film von Hartmut Jahn und Armin Fausten
Redaktion: Michael Krey
Sendetermin: Di, 12.10.10, 15.15 Uhr, NDR-Fernsehen
Chuquicamata, Chile, im Hochland der Atacama-Wüste auf 3000 Meter gelegen ist der größte Kupfertagebau der Erde - ein Loch von 900 Meter Tiefe und vier Kilometer Länge. Diese Mine der Superlative trägt bei zum wichtigsten Exportgut Chiles: aus den chilenischen Anden stammen 35% der Welt-Kupfer-Produktion. Die gleichnamige Bergarbeiter-Siedlung steht vor der Umsiedlung: Arsen und Schwermetalle verseuchen Mensch und Umgebung. In dieser Umbruchsituation bekommen wir die Drehgenehmigung in der Mine.
Chuqui ist das alt-indianische Wort für Kupfer. Der Inca-Krieger Tupac-Yupangui nannte die Einwohner nach ihrem Kupferreichtum: Chuqui-Kamac. Chuquicamata im Norden Chiles im Hochland der Atacama-Wüste: Diese Mine der Superlative erzeugt ein Drittel der Welt-Kupfer-Produktion. Der Tagebau liegt auf 3000 Meter Höhe und ist 900 Meter tief. Seine Durchmesser: vier Kilometer in der Länge und drei Kilometer in der Breite. Viel tiefer geht es hier nicht, denn sonst gerät die Bergstatik ins Wanken - und Erdebeben sind die größte Gefahr.

Kupferschmelze
In der Bergkette der Anden reiht sich ein Vulkan an den anderen. Die Erdkruste ist nicht zur Ruhe gekommen, und leichte Erdbeben sind an der Tagesordnung. In dieser geologischen Störungszone entstehen vulkanogene oberflächennahe Lagerstätten. Deshalb wird Kupfer hier seit Urzeiten gewonnen. Es diente zur Herstellung von sehr harten Speerspitzen, die die Krieger der Gegend berühmt machten.
Die Kumpel von heute nennen sich stolz "Chuquicamatino". Mit einem Brutto-Gehalt von 1500 Dollar im Monat verdienen sie rund das dreifache des chilenischen Durchschnittslohns. Aber es ist ein schwer verdientes Geld. Es gilt die Faustregel: Länger als sieben Jahre sollte niemand in Chuquicamata arbeiten. Soweit das Auge reicht, umzingeln Abraumhalden die werkseigene Siedlung. 3000 Familien leben hier seit 80 Jahren. Arsen und Schwefeldioxid in der Luft - die Verseuchung erzwingt die Verlegung der ganzen Ortschaft in die nahegelegene Oasenstadt Calama.
Vor hundert Jahren entstand die Siedlung als ein Camp der Bergleute. Als die ersten Investoren aus Nordamerika - die "Gringos" - auftauchten, hielt man sie für verrückt. Zunächst bestimmten die Gebrüder Guggenheim über das Schicksal der Mine. Dann wechselten die Namen: Kennecott, Anaconda, Codelco. Seit der sozialistischen Regierung Allende Anfang der Siebziger Jahre sind die Minen verstaatlicht. Auch dem Diktator Pinochet sicherten sie den Staatshaushalt. Chiles Wirtschaft baut seit Mitte des 19.Jahrhunderts auf Kupfererz.
Über Jahrzehnte stand hier das modernste Krankenhaus Chiles, nun ist es das erste Opfer der Mine, die ihre Umgebung frisst. Es wird zu einem Teil der Abraumhalden, die sich immer weiter auf die Siedlung zu bewegen.

Das Team bei der Arbeit: Armin Fausten (Kamera, Mitte) und Hartmut Jahn (Autor, rechts)
Auch das Material, mit dem hier abgebaut wird ist besitzt gigantische Ausmaße: über 100 Tonnen Geröll fasst jede Schaufel der Bagger. Die LKWs sind sieben Meter breit, 12 Meter hoch, mit mehr als 3000 PS. Auf 100 Kilometer schluckt so ein Koloss ¸ber 400 Liter Treibstoff. Jeden Tag werden hier 600 000 Tonnen Felsen und Erz abgebaut. Ein Vermögen allein der Fahrzeugpark. Jeder einzelne LKW kostet etwa zweieinhalb Millionen Dollar. Im Schneckentempo kriechen die Laster nach oben: Drei Stunden dauert die Fahrt aus der Mine - kein Wunder mit 400 Tonnen Gestein auf der Ladefläche. Die Hälfte des abgesprengten Materials ist wertlos. Es wird nur abgebaut, um das geologische Gleichgewicht zu halten und ein mögliches Erdbeben zu vermeiden.
Die Staubwolken trägt der Wind weiter und legt sie über die Siedlung. Ruben Maurizio Saez Pereira und seine Frau, Margarita del Carmen: „Die Verschmutzung ist fürchterlich. Besonders das Arsen, es juckt am ganzen Körper. Bei zu viel Arsen in der Luft erkranken die Kinder, und im Radio wird gewarnt, die Häuser nicht zu verlassen. Auch die Menschen mit Herzproblemen leiden. Es ist sehr ungesund, hier in Chuqui zu leben. Die da oben sollen sich nicht damit herausreden, dass durch den Umzug dem chilenischen Staat zu Große Unkosten entstehen würden. Die Leute, die hier weggehen, die leben ja nicht sehr lange. Das ist die Realität der Kontamination. Die Chefs und Manager, die in Santiago wohnen, die sollen doch mal eine Zeit hier leben!“
Jeder einzelne Tropfen Wasser ist ein wertvolles Gut, denn die Atacama ist die trockenste Wüste der Welt mit nur vier Regentagen im Jahr. Deshalb stammt fast der gesamte interne Wasserverbrauchs aus dem Altiplano-Gebirge. Bis zu 400 km ist es durch die Wüste unterwegs. Die Bewohner denken nur mit Schaudern an die Geistersiedlungen der knochenharten Salpeterindustrie. Sie liegen nur wenige Kilometer entfernt. So schnell diese Siedlungen aus dem Boden schossen, so schnell wurden sie auch wieder verlassen. Die jüngste Vergangenheit der Ruinensiedlung ist noch unrühmlicher. Junta-General Pinochet funktionierte sie in den siebziger Jahren zu Arbeitslagern für Regimegegner um. Archipel Gulag im Kupferland.
Zurück auf der Strasse nach Chuquicamata: In kupfergrün ein Grab: Tödliche Verkehrsunfälle durch Übermüdung häufen sich auf der Strecke. Es ist eines von vielen Gräbern rechts und links des Weges - ein Mahnmal, auf dem noch Platz für weitere Nummernschilder gelassen ist, Platz für die Unfälle der Zukunft.
Der Kupferpreis pro Kilo ist auf dem Weltmarkt gestiegen - jeder zusätzliche Cent steigert die Einnahmen der Mine um etwa 100 Millionen Dollar pro Jahr. Hoch angereichert auf 99,99 Prozent verlassen die Kupferplatten das Elektrolysebad. Chuqicamata - die Tage der Siedlung sind gezählt, die gleichnamige Mine aber sieht glänzenden Zeiten entgegen. In den nächsten zwanzig Jahren soll sie auf eine Länge von 20 Kilometern ausgebaut werden. Hochgiftige Staub- und Gaspartikel, ständiger Wind, flirrende Hitze, Raubbau an Mensch und Natur - ein hoher Preis für ein Metall, ohne dass die moderne Technologie nicht überlebensfähig ist.
Produktion: Hartmut Jahn Filmproduktion in Zusammenarbeit mit PANTAFILM Hanover und Kick-Nord Hannover
Fotos: © H. Stuckmann / Jahn Filmproduktion
Weitere Sendetermine: Sa/So, 25./2612.04, 4.20 Uhr, NDR-Fernsehen (Erstausstrahlung)
Gefördert mit Mitteln der nordmedia Fonds GmbH in Niedersachsen und Bremen.
Siehe auch: DIE TIEFSTEN LÖCHER DER WELT
13.10.2010
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