
Arvid Epstein - Jewish Revenge
Ausstellung: 21. April - 24. Mai 2010
Das 23. European Media Art Festival (EMAF) steht in diesem Jahr unter dem Motto MASH UP, das sich in den Filmprogrammen, Lectures und der Ausstellung widerspiegelt. Durch die Collage und Vermischung vorhandener Medienbilder erreichen Künstler überraschende Neuinterpretationen der Medienwirklichkeit. Dabei wird das MASH UP von Zitaten und Referenzen zum ästhetischen, satirischen und subversiven Stilmittel.

Jens Wunderling - tweetscreen
// AUSSTELLUNG
Die Ausstellung des 23. European Media Art Festivals zeigt aktuelle Arbeiten internationaler Medienkünstler. Neben Mixed-Media-Skulpturen werden bis zum 24. Mai Werke zum Festivalthema "Mash up" präsentiert. Alles digital Verfügbare kann zum Material einer neuen Collage werden - als ironisches Spiel mit der Neu-Verwertung. Der Re-Mix aus dem Geröll des Mediensteinbruchs hat sich zu einer weit verbreitenden Kulturtechnik der kreativen Adaption und zum Grundprinzip der Kultur im digitalen Zeitalter entwickelt. Künstler wie Jens Wunderling und Matthias Fritsch nutzen das Output der Social Networks, um ganz eigene Inhalte zu formen oder um kollektive Werke im globalen Netz entstehen zu lassen. Andere wie die Found-Footage-Künstler Geoffrey Allan Rhodes und Caspar Stracke erzählen neue Geschichten aus alten Filmen. Wieder andere sind erstaunlich flexibel bei der Wahl ihrer Techniken: Der Maler Luc Coeckelberghs schafft Lichtskulpturen oder der Multimediakünstler Tobias Rosenberger präsentiert eine Sicherheits-Consulting Firma, die Mash up zum Prinzip ihrer Unternehmensphilosophie erhebt.

Luc Coeckelberghs - Lighthouse (Innenansicht)
// KÜNSTLERLISTE AUSSTELLUNG
Ruben Bellinkx (B), Heiko Beck (D), BitteBitteJaJa (Ulu Braun & Roland Rauschmeier, D), Luc Coeckelberghs (B), Stefan Demming (D), Eitan Efrat (ISR/NL), Matthias Fritsch (D), Chen Yun Ju (Taiwan), Tilman Küntzel (D), Geoffrey Allan Rhodes (USA), Tobias Rosenberger (D), David Sarno (D), Susanne Schuda (A), Anna Sokolova (D), Jan Peter Sonntag (D), Caspar Stracke (USA/D), William Wegman (USA), Jens Wunderling (D)
// EMAF GOES 3 D
Ganz aktuell werden Kurzfilme in 3 D von Kerry Laitala und historisch zwei 3D-Filme von Jack Arnold aus den 1950er Jahren gezeigt. . In Kooperation mit dem Programmkino Hasetor laufen "Der Schrecken vom Amazonas" und "Gefahr aus dem Weltall" in der Reihe "Hasekult".

Jonas Bohatsch v+expanded timecode vinyl
// KONGRESS
In der Konferenz des Festivals zeigen und diskutieren namhafte Referenten aktuelle Projekte zum Thema des Festivals. Hier einige Beispiele: Prof. Birgit Richard bietet einen unterhaltsamen Überblick über die aktuellen Mash Ups im Internet. Die französische Künstlerin Anne Roquigny stellt die Arbeit des Remixen von Sounds, Bildern und Texten aus dem Internet vor, wie es DJ's und VJ's täglich in den Clubs und auf Parties zelebrieren. Jürgen Keiper von der Deutschen Kinemathek in Berlin spricht über Creative Commons, der Bewegung, die sich für die freie Verfügbarkeit von Bildern und Musikstücken einsetzt und sich gegen die Monopole der Filmstudios und Verlage wendet. Dr. Karin Orchard beschäftigt sich mit Kurt Schwitters, den führenden Künstler des Dadaismus und historisches Vorbild vieler Mash up Künstler. In "The History of Cinematic Agit-Prop" zeigt Mark Boswell die Entwicklung von der historischen Filmavantgarde bis zum heutigen Mash up auf. "Movie meets Games" ist das Thema von Michael T. Bhatty in dem er neue Entwicklungen des Zusammenwachsens und Mischens von Stilen im Populärbereich der Medien aufzeigt. Innerhalb des Filmprogramms untersucht der Film "RIP: A Remix Manifesto" (Kanada) Fragen des Urheberrechts im Zeitalter von Youtube, myspace und dem Datentausch im Internet. Eine unterhaltsame und informative Diskussion über Legalität, Kreativität und Urheberrecht, die das Thema Klau-Kultur oder kreative Adaption beleuchtet.

Sarah Vanaght - Silent Elections
// FILMPROGRAMM
Im Bereich Cinema werden etwa 170 Kurz- und Langfilme, Musikvideos sowie Sonderprogramme gezeigt. Ein Trend zu dokumentarischen und essayistischen Filmen zeichnen das diesjährige Programm aus. Oft behandeln sie sozialkritische, politische und historische, aber auch tagesaktuelle Themen und Zusammenhänge. Dabei werden die Schauplätze, z.B. der Kolonialgeschichte, in den Kontext der aktuellen politischen Lage gesetzt, wie im Film SILENT ELECTIONS von Sarah Vanaght, die die seelischen und gesellschaftlichen Narben des Genuizids in Ruanda und dem Kongo eindringlich thematisiert. Auch historische Reiseberichte oder literarische Fragmente bilden den Ausgangspunkt der filmischen Suche nach einer anderen (globalen) Identität. Carl Browns "Memory Fade" zeigt in einer Doppelprojektion welchen Stellenwert die bekannten Bilder von Katastrophen im kollektiven Gedächtnis einnehmen; ohne dass man sich adhoc an die ursprüngliche Quelle erinnern kann, ein MASH UP besonderen Art.

All restrictions end
Auffallend ist, dass viele Künstler performative und formale Experimente in ihre Arbeiten einfließen lassen und miteinander verbinden. Und: In diesem Jahr wurden mehr mittellange und lange Filme ausgewählt. Besonders herauszustellen sind die Filme MARK von Mike Hoolboom - eine biografisch gezeichnete Hommage an einen verstorbenen Freund - und JEWISH REVENGE von Arvid Epstein - eine mehr als unterhaltsame musikalisch inszenierte Burlesque mit bitterem historischen Hintergrund - dem Holocaust. Die Veranstalter freuen sich, dass es ein systemkritischer iranischer Film (ALL RESTRICTIONS END) nach Osnabrück geschafft hat. Der Autor setzt sich analytisch und informativ mit der herrschenden Kleiderordnung auseinander. "Interpreters" von Johannes Maier ist ein Film über Dolmetscher und Sprachengewirr. Auch der Spaß kommt nicht zu kurz: im Mash-up Programm finden sich ironische und satirische Kommentare sowie jede Menge Seitenhiebe auf die Filmgeschichte.
// RETROSPEKTIVE
Die Retrospektive widmet sich in diesem Jahr Aldo Tambellini, der in den 70gern am MIT im Center für Advanced Visual Studies arbeitete. Das EMAF präsentiert seine "Black Film Series", eine Reihe von S/W-Filmen, die Tambellini zwischen 1965 und 1969 produzierte. Als sensitive Erkundung des Mediums reicht das Spektrum von totaler Abstraktion bis zum Footage vom Attentat auf Bobby Kennedy, dem Vietnamkrieg und schwarzer Jugendlicher auf Coney Island. Aggressiv, provokativ und turbulent, wie ein Bildfeuerwerk reagiert Tambellini auf das beginnende Informationszeitalter und die einsetzende Fluxus-Bewegung.

Verena Friedrich - Transducers, Foto: Max Schröder
// MEDIA CAMPUS
Der Media Campus präsentiert in diesem Jahr wieder eine eigene Ausstellung sowie Vorführungen und Vorträge europäischer Kunsthochschulen. Aus rund 250 eingesendeten Arbeiten junger Regisseure wurden 60 ausgewählt und zu sechs interessanten Filmprogrammen zusammengestellt. Diese repräsentieren Filmkunst aus 17 Ländern und zeigen, womit sich der junge Kunst- und Experimentalfilm in der Gegenwart beschäftigt. Mit dabei sind die Koninklijke Academie van beeldende Kunsten aus Den Haag, die FH Mainz, die Akademie der Bildenden Künste Mainz sowie die FH Dortmund. Filme werden beispielsweise auch gezeigt vom Holon Academic Institute of Technology Israel und der Vilnius Academy of Fine Arts Litauen.

Bas van Koolwijk + Gert-Jan Prins - Synchronisator
// PERFORMANCES
Die Performance "Synchronisator" ist eine eindrucksvolle Audio-Videoperformance von Bas van Koolwijk und Gert-Jan Prins aus den Niederlanden. Mit "Videoloopmashine" von Stefan Demming werden Ausschnitte aus bekannten Kinofilmen in Loops gesampelt, um daraus Bild- und Tonrhythmen zu komponieren. Damit wird Kino ganz neu interpretiert.
// PREISE
Zusätzlich zum "EMAF-Award", dem "Dialogpreis" des Auswärtigen Amtes, dem Preis für den besten deutschen Experimentalfilm 2010 wird in diesem Jahr auch der Grand Prix Event Award der Europäischen Kulturhauptstadt 2011, dem finnischen Turku, vergeben.
// KOOPERATIONSPROJEKTE
Deutschlandweit kooperiert das European Media Art Festival (EMAF) in diesem Jahr im Rahmen des Programms "National Heroes - Deutsche Kulturstädte" mit Ruhr.2010. Dieses Projekt wurde entwickelt, um die Städte, die im nationalen Wettbewerb um den Titel Kulturhauptstadt Europa standen, einzubinden. Ein weiteres nationales Kooperationsprojekt ist zur Zeit in der entscheidenen Phase: MEDIA ART BASE. Gemeinsam mit dem documenta-Archiv in Kassel und dem ZKM Karlsruhe wird bis 2011 eine Online-Datenbank zur Archivierung wichtiger Arbeiten der internationalen Medienkunst erstellt.
Weitere Informationen: www.emaf.de
26.04.2010
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